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Bericht Schwarzwälder Bote: Ungarische Leidenschaft und deutsche Disziplin

Von Schwarzwälder-Bote 03.06.2016
Foto: Kunert, Foto: Schwarzwälder-Bote

Alexander Virág ist ein Mann und Musiker, den man ganz sicher niemals wieder vergisst, wenn man ihn einmal begegnet ist. In Nagold kennt man ihn vor allem als Lehrer und Pädagogen der mit Ehefrau Anja geführten Musikschule Awa Villa der Musik.

Nagold. Lange braune Haare – Alex Virágs Markenzeichen seit Jugend an. Tiefe braune Augen. Dunkler Teint. Seine Stimme ist überraschend rau, fast heiser, wenn er spricht und von seiner entbehrungsreichen, aber liebevollen Kindheit in der damaligen Tschechoslowakei berichtet. Seine Familie gehört zur ungarisch-deutschen Minderheit dort, seine Muttersprache sei Ungarisch. "Ich hatte ein Hemd, eine Hose, die mit mir aufwuchsen", erzählt der heute 48-Jährige mit unüberhörbaren Akzent. Aber seine Kindheit hatte auch die Musik, das Singen, unendlich viele Lieder voll des prallen Lebens und der Leidenschaft. Virágs Wurzeln.

Einmal wie der originale Elvis, dann wie eine indische Tempelsängerin

Dann springt Virágs Erzählung in die Gegenwart. Seine Gegenwart als Gesangslehrer – für Pop, Rock und Jazz. Und er singt auf einmal – kraftvoll, und überraschend glockenklar. Da ist nichts Heiseres mehr. Jetzt spielt er mit der Stimme, weil man gefragt hat, "wo" er seine Stimme habe. "Überall", antwortete er. Und plötzlich klingt er wie der originale Elvis, dann wie eine indische Tempelsängerin. Der pure Wahnsinn in Tönen. Und man begreift: Das hier ist nicht Normalität. Da ist was Besonderes, was Einzigartiges. Etwas Außergewöhnliches. Wäre Virág ein Maler, würde er alle Maltechniken beherrschen – und aus ihnen wie einer der ganz großen Meister für sein Werk frei auswählen können, gerade wie es ihm gefällt. Und genauso macht er es hier als Sänger. Er kennt alle Kniffe zum perfekten Ton, weiß offensichtlich, wie man aus einem menschlichen Körper scheinbar mühelos das Optimum an Gesang herausholen kann.

So etwas zu entwickeln als Musik- und Gesangspädagoge – dazu gehört eiserne Disziplin, immens harte Arbeit. Tatsächlich hat Virág gleich zwei Hochschulabschlüsse – einen als Musik-Pädagoge, einen im Pop-Jazz-Gesang. Was so gar nicht zu dem "Punk" und "Rock’n’Roller", zu dem langhaarigen Rebell der Sowjet-Kultur passen will, der Virág als Kind und Jugendlicher gewesen sein will. Mit sieben Jahren die ersten Auftritte, mit 15 Jahren die erste eigene Band, später ab dem 18. Lebensjahr ständiger Gast – und Gewinner – sämtlicher Talentshows seiner Heimat. "Ich war ein Pop-Star." Er arbeitete für das Fernseh- und Rundfunkorchester in Bratislava, nahm als Komponist am Eurovision-Song-Contest (heute ESC) teil.

Was nur aber verschlägt so jemanden ausgerechnet nach Nagold? "Die Liebe", sagt Virág. In seine Heimat, die heutige Slowakei, konnte er seine Anja nicht locken. Zwei Ehen von Virág waren zuvor gescheitert. Opfer der vielen Tourneen, die Virág nach dem Fall des Eisernen Vorhangs durch Deutschland und Europa führten. Das erklärt vielleicht, warum er dann schließlich alles bis dahin Erreichte aufgab, um in Nagold, wo Anja ihre Jugendzeit verbracht hatte, mit ihr gemeinsam eine Musikschule aufzubauen. Im Gepäck: ein eigenes, von Virág selbstentwickeltes Lehrkonzept für die Gesangsausbildung. Es baut auf der sogenannten "Kodály-Methode" auf, benannt nach Zoltán Kodály, dem nach Béla Bartók und Franz Liszt bedeutendsten ungarischen Komponisten und Musikwissenschaftler.

Wie bei seinem großen Vorbild Kodály, war Virágs prägendstes musikalisches Erleben eben jene einfache Volksmusik der ländlichen (ungarischen) Bevölkerung. Und die Feststellung: Der Gesang gehört jedem – als Ausdruck der Lebensfreude, als Persönlichkeitsbildung, als Schmerzmittel, als Therapie, als Mittel zur allerhöchsten Kunst. Das bedeutet aber auch: jeder kann Gesang erlernen, er steckt in jedem Körper – als biologischem Klangkörper. Virágs Vermögen: eine streng systematische Trainingsmethode, wie dieser "Gesangsapparat" zu absoluten Spitzenleistungen "trainiert" und optimiert werden kann. Keine "Magie" oder Zauberei, wie Virág betont. "Sondern allein richtig harte Arbeit."

Eine schier endlose Liste an zum Erfolg geführten Gesangsschülern

Nur ein Beispiel: Virág hebt beim Singen den rechten Arm mit einer schwungvollen Bewegung in die Höhe, während er ein unglaubliches Hohes "C" singt. Wieder lupenrein. "Es ist jedes Mal ein unfassbarer Triumph, wenn ein Schüler das erlebt, wie er mit dieser schlichten Bewegung den bis dahin nie gesungenen Ton herausbringt." Ein Triumph für Schüler und Lehrer. Virágs mittlerweile schier endlose Liste an zum Erfolg geführten Musik- und Gesangsschülern ist Beweis, wie erfolgreich diese Virág-Methode heute ist.

Und doch – man spürt auch eine gewisse Zerrissenheit dieses großen Pädagogen. Ein Hadern vielleicht mit den einstigen Bühnenerfolgen. Die "alte Rampensau", der Punker und Rock’n’Roller in ihm, der das Rampenlicht vermisst, den Applaus braucht. Virág überlegt, ob das stimmt. Er will es differenzierter sehen. "Ich weiß, wofür ich das alles aufgegeben habe", sagt er schließlich. Der "Schmerz" in ihm sei ein anderer: Ungarn, mehr noch Österreich-Ungarn, der Kulturkreis seiner Heimat, bebte vor musikalischer Kreativität. Die Wiener Schule, die Prallheit des Lebens dort – von diesen Wurzeln abgeschnitten zu sein, mit denen er als Pop- und Rock-Größe in seiner Heimat lebte, da liege wohl sein eigentlicher Schmerz. Die zehrende Sehnsucht.

Allerdings: Virág ist eben nicht nur "ungarn-stämmig", sondern eben auch "deutsch" – "perfekte Autos", penible Disziplin. Denn auch Alexander Virág ist ganz sicher ein absoluter "deutscher" Perfektionist, kann schnell ungeduldig werden, wenn seine Zöglinge nicht bereit sind, das Beste aus sich herauszuholen. "Insofern passe ich dann doch wieder auch sehr gut hierher", lächelt der Gesangs-Meister. Und fügt hinzu, dass erst aus diesem Zusammenführen von pulsierender Leidenschaft und akkurater Disziplin wirklich außergewöhnliche Leistungen möglich werden. Weshalb auch mittlerweile Schüler von sehr weit her nach Nagold in den Unterricht von Alexander Virág pilgern, um Teil dieser ganz außergewöhnlichen Gesangswelt zu werden.